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Die Reiner-Lemoine Stiftung (RLS) hat eine neue Studie zum Thema EnergieSystemWende veröffentlicht. In der Studie wird deutlich, dass das Energiesystem als Ganzes reformiert werden muss, um die Dekarbonisierung und die Energiewende voranzutreiben. Fabian Zuber von der RLS erzählt mehr. 

Sehr geehrter Herr Zuber, Sie haben vor einigen Tagen eine Studie zur „Energiesystemwende“ herausgegeben. Dort vergleichen Sie die vergangenen Entwicklungen des Energiemarkts mit den Anforderungen des zukünftigen Energiesystems. Welcher Unterschied spielt für Sie die entscheidende Rolle?

Das Konventionelle unterscheidet sich fundamental vom Erneuerbaren Energiesystem. Die Erzeugung wird dezentraler, Flexibilitäten im System gewinnen an Bedeutung, Umweltauswirkungen werden immer wichtiger und die Energietechnologien rücken an den Dorfrand, auf das Hausdach oder in den eigenen Keller. Die Rolle der Bürgerinnen und Bürger wird daher immens wichtig. Es geht also nicht um den „einen“ Unterschied, sondern um die Erkenntnis, dass sämtliche Antworten von damals, als der Kohle- und Atomstrom noch aus den Kraftwerken übers Netz zu den Steckdosen der Verbraucher kam, nicht mehr die von heute und morgen sein können.

In der Studie wird auch deutlich, dass die Hemmnisse für eine Transformation des Energiesystems momentan von struktureller Art sind, das heißt einschränkende Gesetze, Sonderausschreibungen und die wegfallende EEG-Förderung im Jahr 2021: Was sind konkrete Herausforderungen für die Sektorenkopplung? Und was bedarf es im Allgemeinen, um die Energiewende jetzt zu beschleunigen?

Die Sektorenkopplung spielte in der Vergangenheit keine Rolle. Heute sprechen wir von der zweiten Welle der Elektrifizierung, das heißt ganze Lebensbereiche und Konsumgewohnheiten müssen auf einer anderen Energieart aufbauen. Vom Zapfhahn zur Steckdose gilt es nicht nur neue Versorgungsstrukturen und Netze aufzubauen, sondern auch die Entgeltsystematik muss sich beispielsweise den neuen Realitäten anpassen. Dabei stecken in der Sektorenkopplung gigantische Chancen. Denn von mobilen Speichern bis hin zu flexiblen Verbrauchern stecken große Potentiale zur Gestaltung des Erneuerbaren Energiesystems. Was es aber im Kern braucht, ist, diese neue Denkweise anzuerkennen und das neue System mutig und chancengetrieben vom Kopf auf die Füße zu stellen.

Grafik: Kleinteilige Erzeugung und flexible Ressourcen, RLS.

Die Grafik zu „Kleinteilige Erzeugung und flexible Ressourcen“ beschreibt den Weg von konventionellen Energietechnologien zu Erneuerbaren Energien. Ihre These: Neue Regulatorien und vollständig ausgeschöpfte Technologie-Potenziale müssen genutzt werden. Sektorenkopplung wird hier nur in Zusammenhang mit dem Verkehrssektor erwähnt: Inwiefern ist Sektorenkopplung Teil des zukünftigen Energiesystems? Und was ist mit dem Wärme-Sektor?

Sektorenkopplung bringt Strom, Mobilität und Wärme zusammen – verknüpft mit Speichertechnologien. Und das Erneuerbare Energiesystem auf das wir im Zuge der Dekarbonisierung zusteuern, ist per se sektorengekoppelt. Diese Integration ist alternativlos – und sie beinhaltet selbstverständlich auch das Wärmen und Kühlen.

Ein weiterer Baustein der Energiesystemwende ist laut Studie die Gesellschaft. Das zukünftige Energiesystem mit Erneuerbaren Energien ist akzeptiert und sozial gerecht. Finanzielle Teilhabe an Erneuerbaren Energien ist wichtig, aber auch der andere Partizipationsmöglichkeiten sollen zur Realität werden. Welche sind das?

Erneuerbare Energien sind per se kleinteilig und dezentral. Jedes Windrad und jede Solaranlage rücken daher näher an die Menschen heran. Mehr noch: Die Menschen vor Ort werden von passivem Verbraucher selbst zum Teil des Energiesystems, damit es überhaupt funktionieren kann. Wenn zehntausende neue Windanlagen und Millionen von PV-Anlagen, Wärmepumpen, Elektroautos und Speicher gebraucht werden, heißt das auch, dass es ohne die Beteiligung und Initiative der Gesellschaft nicht funktionieren wird. Wir erleben jedoch derzeit einen massiven Akzeptanzverlust, der das Gegenteil bewirkt, etwa im Bereich der Windkraft.

Woran liegt das?

Im Konventionellen Energiesystem war es Beiwerk und Folklore, die Bürgerinnen und Bürger einzubinden. Daher wurde das bisher in der Regulatorik auch sträflich vernachlässigt oder wie beim EEG eher „versehentlich“ erzeugt. Bürgerenergie galt Regulatoren lange eher als lästige Nebendebatte der Energiewende. Aber genau hierin liegt ein Systemkonflikt. Altes Denken wird auf die Herausforderungen angewandt anstatt die neuen Anforderungen als Maßstab zu nehmen: Ohne die grundlegende Beteiligung wird es nicht gehen.

Derzeit wird über den Haushalt der Bundesregierung im Jahr 2020 gesprochen. Die Klimaschutz-Investitionen sind heiß diskutiert. Was ist Ihrer Meinung nach nötig, um jetzt den Wandel des Energiesystems voranzutreiben?

Die Energiepolitik der vergangenen Jahre ist voller Widersprüche. Einerseits werden in Sonntagsreden die Energiewende gelobt und in den Zielbestimmungen ambitionierte Vorgaben gemacht. Wenn es aber um die Umsetzung geht, scheitert die Politik und verliert sich im Kleinklein. Energiewende als Leitmotiv ist inhaltlos geworden. Der Begriff beschreibt längst nicht mehr das, worum es geht. Daher sprechen wir von der Systemwende, die wir auch im Energiebereich brauchen. Also vom Integrieren der Erneuerbaren in den alten Rahmen, sondern Weg mit dem Rahmen und einen neuen zusammensetzen. Was es zuallererst braucht, ist, sich auf ein neues politisches Ziel und Projekt zu verständigen und diese EnergieSystemWende dann konsequent anzugehen. Die Technologien und Geschäftsmodelle dafür stehen längst zur Verfügung.

Eine letzte Frage zum Abschluss: Im Jahr 2030 schauen Sie auf unser Energiesystem und sind..?

… alle um einiges schlauer. Heute schmunzeln wir über die Skeptiker, die vor 15-20 Jahren noch meinten, dass ein stabiles Energiesystem nicht mehr als zwei, drei Prozent Erneuerbare verkraften kann. 2030 werden wir schmunzeln über diejenigen, die den Ausbau der Erneuerbaren vom Ausbau der Stromnetze abhängig machen wollten, die der erneuerbaren Eigenversorgung und dem Mieterstrom bürokratische Hürden in den Weg legten oder Speichertechnologien als teuer und unbrauchbar brandmarkten. 2030 befinden wir uns im Erneuerbaren Energiesystem und haben das konventionelle System hinter uns gelassen. Fossile Energien und Versorgungsstrukturen besetzen dann nur mehr die Nische. Aus wenigen Großkonzernen, die den Energiemarkt einst bestimmten, sind dann viele Millionen Teilhaberinnen und Teilhaber geworden, die vor Ort emissionsfrei für den Strom sorgen, der Wohnräume, die Wirtschaft und die Mobilität am Laufen halten.

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