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Jan Schmitz, Projektingenieur bei der RECASE Regenerative Energien GmbH, zeigt im Interview neue Perspektiven für die Windenergie auf und erläutert, warum Power-to-Heat, Power-to-Gas und Elektromobilität zwar technisch verfügbar, aber noch nicht richtig im Markt sind.

Sehr geehrter Herr Schmitz, was genau macht Ihr Unternehmen beziehungsweise was macht es besonders?

Die RECASE GmbH ist ein Ingenieurbüro mit Firmensitz in Busdorf (Schleswig-Holstein), das aus dem Bereich der Windenergie kommt. Seit der Firmengründung im Jahr 2013 durch die geschäftsführenden Gesellschafter Marten Seifert und Lorenz-Heinrich Carstensen ist unser Team inzwischen von anfänglich 3 auf nunmehr 8 festangestellte Ingenieure gewachsen.

Im Geschäftsfeld der Windenergie bietet RECASE technisches Know-How an. So unterstützen wir beispielsweise Hersteller bei der Entwicklung neuer Windenergieanlagen, bei den notwendigen Tests von Anlagenprototypen oder bei Netzanschlussplanungen neuer Windparks. Auf Betreiberseite hingegen setzt RECASE seine Erfahrungen ein, um z.B. Performance- und Betriebsdatenanalysen durchzuführen, oder Verträge zur technischen Betriebsführung und Wartung von WEA sinnvoll und kundenorientiert zu gestalten.

Neben unserem Kernbereich in der Windenergie haben wir seit 2016 mit den Regenerativen Energiesystemen ein weiteres Geschäftsfeld in unser Dienstleistungsportfolio aufgenommen. Hier beschäftigen wir uns intensiv mit der Entwicklung von Energiekonzepten in den Bereichen Eigenversorgung, Sektorenkopplung und Elektromobilität. Dabei schließen wir in unsere Planungen technische, wirtschaftliche und -Dank unserer Partner- energierechtliche Aspekte gleichermaßen ein. Unsere Kunden, die wir in diesen Themen unterstützen dürfen, sind Industrie- und Landwirtschaftsbetriebe wie auch Kommunen.

An RECASE ist besonders, dass wir mit unserem vergleichsweisen kleinen Team große Projekte und vielfältige Themen bedienen sowie Projekte umsetzen können. Dabei sind wir sowohl regional als auch weltweit im Einsatz.

 

Wie sehen Sie die aktuelle Entwicklung der Energiewende in Deutschland und welche Rolle wird die Sektorenkopplung dabei einnehmen?

Die Energiewende ist nach ihrem dynamischen Start Anfang der 2000er durch Einführung des EEG nunmehr merklich ins Stocken geraten. Heute ist ein substanzieller Ausbau von Erneuerbaren Energien aufgrund einer aufgeblähten und selbst für Experten schwer überschaubaren Regulatorik weitestgehend lahmgelegt worden. Ein weiterer Grund für den schleppenden Zubau von EE-Anlagen ist auch im Netzausbau zu sehen, der lange Zeit nicht ausreichend mit der Installation neuer EE-Leistung harmonierte. Folglich ist es derzeit so, dass Verbraucherzentren zu wenig mit Erzeugerregionen vernetzt sind und der erzeugte Strom zu Spitzenzeiten nicht abtransportiert werden kann. Stillstehende Windenergieanlagen zu Windzeiten aufgrund von Einspeisemanagementeingriffen, um Stromnetze zu entlasten, führen darüber hinaus zu einer abnehmenden Akzeptanz für die Energiewende in der Bevölkerung und bieten gemeinsam mit der EE-Umlagen-Thematik derzeit eine gute Angriffsfläche für Kritiker und Skeptiker der Energiewende.

Die Sektorenkopplung ist neben dem Netzausbau ein wichtiger Baustein um diese bestehenden Herausforderungen der Energiewende wirkungsvoll anzugehen und lösen zu können. Technologisch ist bereits jetzt eine großflächige Umsetzung von Sektorenkopplungsmodellen möglich, wie diverse Demonstrationsvorhaben – z.B. im Rahmen der SINTEG-Projekte – zeigen. Leider führen energierechtliche Bestimmungen und Definitionen sowie eine unzeitgemäße Steuern- und Umlagepolitik immer wieder dazu, dass Sektorenkopplungsprojekte heute in der Regel unter finanzwirtschaftlichen Aspekten nicht umsetzbar sind.

Sobald wir dahin übergehen, dass Energieträger nach ihrer Umweltwirkung besteuert oder mit Abgaben beaufschlagt werden – Stichwort: CO2-Steuer -, werden wir erleben, dass die Energiewende neuen Schwung bekommt, da sie dann wirtschaftlich attraktiver ist als konventionelle Alternativen. Allerdings werden wir uns in Bezug auf eine Grundsatzentscheidung in dieser Frage wohl bis zur nächsten Legislaturperiode gedulden müssen, wie der neue Staatssekretär im BMWi Herr Feicht kürzlich angekündigt hat…

 

Ihr Unternehmen hat sich ja schon intensiv mit verschiedenen Aspekten der Sektorenkopplung auseinandergesetzt. Fangen wir einmal mit der Wandlung von Strom zu Wasserstoff an, was Sie ja auch bei unserer Fachtagung zu Wärme durch Ökostromnutzung besprochen haben : Wie sind da aus Ihrer Sicht die Perspektiven?

Das Thema Power-To-Gas bietet für die Zukunft enorme Perspektiven für die Erneuerbaren Energien. Denn Wasserstoff, der zu Überschusszeiten produziert wird, kann sehr vielseitig eingesetzt werden, wie etwa in industriellen Prozessen, im Mobilitäts- und im Wärmesektor. Darüber hinaus steht mit dem Erdgasnetz bereits heute ein riesiger Speicher für grünen Wasserstoff zur Verfügung, so dass die Anzahl an großen Investitionen in Infrastrukturmaßnahmen relativ gering wäre. Power-To-Gas bietet somit eine sehr vielversprechende Möglichkeit, die volatile Energieerzeugung aus den EE in die Energiemärkte zu integrieren.

Aus Sicht eines EE-Anlagenbetreibers kann Power-To-Gas zudem völlig neue Märkte und Absatzchancen des erzeugten Stroms erschließen. Gerade außerhalb von EEG-Vergütungen – wie etwa beim Weiterbetrieb von Alt-Anlagen nach 20 Jahren Betriebszeit – können sich hier zukünftig alternative und wirtschaftliche Betreibermodelle entwickeln. All dies ist allerdings nur möglich, wenn die bereits erwähnten regulatorischen Hemmnisse überwunden werden.

 

Quelle: Recase regenerative Energien GmbH

Und wie steht es um die direkte Nutzung von Windstrom für Wärme mittels Power-to-Heat?

Auch Power-To-Heat auf Basis von Windenergie bietet große Potenziale für die Zukunft. Das liegt nicht zuletzt daran, dass insbesondere bei uns im Norden, gerade dann Heizenergie, etwa für Raumwärme, benötigt wird, wenn der Wind weht. Das Windangebot und der Raumwärmebedarf harmonieren an dieser Stelle sehr gut miteinander.

Power-To-Heat kann im Übrigen auf zwei unterschiedliche Methoden gedacht und umgesetzt werden. Einerseits besteht die Möglichkeit sehr effiziente Wärmeversorgungssysteme mittels Wärmepumpen und der Nutzung von Umweltwärme herzustellen, andererseits können mit Hilfe leistungsstarker Heizeinheiten (z.B. Tauchsieder, Elektrodenheizkessel) und Pufferspeicher große steuerbare Lasten und somit Flexibilitäten im Strommarkt angeboten werden. Die Netzsituation und der Wärmebedarf vor Ort können dann ausschlaggebend für die Entscheidung für das eine oder andere Umsetzungskonzept sein.

 

Auch mit dem Thema Elektromobilität beschäftigt sich Ihr Unternehmen, wo sehen Sie die größten Chancen und Herausforderungen bei der Nutzung von Erneuerbarem-Strom im Verkehrssektor?

Elektromobilität ist bereits heute privat wie auch gewerblich sinnvoll einsetzbar, wenn eher kurze bis mittlere Wegstrecken zurückgelegt werden. Mit den aktuellen E-Pkw-Modellen können auch im Winter bei Minusgraden zuverlässig 150 bis 200 km pro Tag gefahren werden.

Es ist auch bereits zu beobachten, dass im gewerblichen Bereich Fahrzeugflotten auf Elektroantrieb umgestellt werden, wenn wir z.B. an Lieferdienste und ambulante Pflegedienste denken. Hier ist die Elektromobilität durch attraktive Leasingangebote und so gut wie keine Wartungskosten besonders interessant.

Blicken wir jedoch auf die großen Fahrzeugkategorien im ÖPNV und Schwerlastverkehr, ist die Elektromobilität noch ein gutes Stück weit entfernt von einer breiten Marktrelevanz. Die hohen Anforderungen an die Batterietechnologie und die entsprechende Ladeinfrastruktur und die damit verbundenen hohen Kosten ermöglichen bisher keinen groß angelegten Technologie-Roll-Out.

 

Welche Rolle spielt die Elektromobilität für die Energiewende?

Die Verknüpfung zwischen den Erneuerbaren Energien und der Elektromobilität ist eigentlich denkbar einfach und geschieht im Grunde automatisch mit einem steigenden Anteil der Erneuerbaren Energien am deutschen Strommix. Die Elektromobilität kann in Zukunft jedoch eine weitaus größere Rolle im Rahmen der Energiewende einnehmen, als vielerorts vermutet wird. Denn über ihre Leistungselektronik kann sie aktiv netzdienliche Maßnahmen bereitstellen, wie etwa zur Spannungsstabilität und Frequenzhaltung durch eine Blind- bzw. Wirkleistungsregelung. Unsere internen Untersuchungen haben ergeben, dass Elektromobilität bereits ab einer relativ geringen Marktdurchdringung von nur 20 % das große Potenzial birgt, quasi als Schwarmspeicher die Residuallasten im Stromnetz abzudecken und somit die Volatilität aus der EE-Einspeisung auszugleichen. Jedoch sind es auch in diesem Bereich die geltenden Regularien und fehlende technische Standards, die eine netzdienliche Nutzung der Elektromobilität nicht zulassen.

Hinderliche Gesetzesregelungen finden sich zudem auch dort, wo öffentlich zugängliche Ladeinfrastruktur direkt mit Strom aus EE-Anlagen betrieben werden soll. So nimmt beispielsweise ein Unternehmen, das eine EE-Anlage zur Eigenversorgung betreibt, gemäß EEG und Stromsteuergesetz eine Versorgerrolle ein, sobald es einem Dritten den Strom aus seiner EE-Anlage für das Laden eines Elektroautos zur Verfügung stellt. Denn das EEG definiert das Elektrofahrzeug als Letztverbraucher und steht damit paradoxer Weise in einem direkten Wiederspruch zum Energiewirtschaftsgesetz, welches eine Ausnahme zulässt und den an einer Ladestation entnommenen Strom als Letztverbrauch einstuft. Die Rechte und Pflichten, die sich aus einer Versorgereigenschaft nach EEG und StromStG heraus ergeben, schrecken viele Unternehmen und Gastronomen vor entsprechenden Eigenversorgungsmodellen ab.

Der Abbau der beschriebenen regulatorischen Hindernisse ist Aufgabe der Politik. Daneben wird es allerdings auch eine Herausforderung für die Hersteller und Anbieter sein, die Elektromobilität letztlich alltagstauglich und praktisch zu gestalten. Die teils unterschiedlichen Bezahlsysteme, das leidige „Herumtüdeln“ mit selbst mitgebrachten Ladekabeln bei Wind und Wetter und die mitunter noch relativ geringen Reichweiten schrecken Nicht-Enthusiasten bisher von einer Umstellung auf Elektroantrieb ab.

Wie will ihr Unternehmen die Sektorenkopplung weiter voranbringen und mit welchen Kunden würden Sie gerne neue Projekte angehen?

Unsere übergeordnete Aufgabe wird bleiben, uns weiter für den Ausbau von Erneuerbaren Energien und Sektorenkopplung einzusetzen, für den Umwelt- und Klimaschutz zu motivieren und Widerstände auf dem Weg dahin zu überwinden. Darüber hinaus werden wir weiterhin unser Know-How anbieten, Ideen entwickeln und Konzepte erarbeiten.

Konkrete Tätigkeitsfelder sehen wir beispielsweise in der Vorbereitung und Ertüchtigung elektrischer Netze für die Elektromobilität sowie -auf Verbraucherseite- in der Optimierung von Energiesystemen, Steigerung von Energieeffizienzen und Integration von Erneuerbaren Energien in Gewerbe- und Industrieunternehmen.

Auf der Erzeugerseite werden wir die Entwicklung neuer und innovativer Windenergie-Technologien unterstützen und uns für den Weiterbetrieb von Altanlagen nach 20 Jahren Betriebszeit einsetzen, indem wir die Betreiber der Windparks bei Weiterbetriebsgutachten und der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle wie z.B. Power-To-X unterstützen.

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